Bühne 4
Die Arbeit des Beauftragten

Ansprache anlässlich des Holocaust Gedenktages

Donnerstag, 27. Januar 2022 in der Congresshalle Saarbrücken

Gedenken ist ein fragiles Unternehmen. In diesen Tagen mahnt im Angesicht der millionenfachen Morde des nationalsozialistischen Terrors einmal wieder ein namhafter Historiker in einer namhaften Zeitung, doch endlich zu vergessen, die „Untaten“, wenn überhaupt, „sachlich und nüchtern“ zu betrachten, die unaufhörlichen Präsentationen der Schande zu beenden. Man erträgt die Worte kaum, aber viele, so wissen wir, spenden ihm Beifall.

Der große amerikanische Schriftsteller James Baldwin hat, das Schicksal der schwarzen Amerikaner in ihren Gettos betrachtend, geschrieben: „Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte mit uns. Wir sind unsere Geschichte.“

Welch tiefe Wahrheit diese Worte im Angesicht der Shoa haben, wie grundverkehrt und wirklichkeitsfern alle Versuche sind, die im Rauch über den Krematorien verflogenen Gräber der Ermordeten aufzulassen und ihre Asche auf den Feldern vor Auschwitz, Sobibor oder Treblinka in ein namenloses Nichts sickern zu lassen, zeigt sich, wenn wir redlich mit uns sind. Vergangenheit ist nicht vergessen und kann gar nicht vergessen werden, sie ist uns allen gegenwärtig, so sehr sich manche um einen Schlussvorhang bemühen, auch denen, die für Vergessen plädieren.

Natürlich: kaum ein Täter lebt noch. Zeitzeugen gehen von uns. Aber die seelischen Verletzungen der Vernichtungsorgien leben und wirken fort.

So lesen wir heute die Erinnerungen der unter uns lebenden  Kinder und Enkel von Tätern, des Sohnes des Schlächters von Polen, der Enkelin des Kommandanten des KZ Plaszow, die sich mit ihrem verseuchten Erbe aufrichtig quälen. Das ist also gegenwärtig, nicht bei jedem in Deutschland natürlich, aber bei manchen.

So lesen wir heute die mit ihrer Kindheit verwobenen Erinnerungen der unter uns lebenden Nachkommen der jüdischen Opfer an die Erzählungen in ihrer Familie. Von den Selektionen an der Rampe nach den sofort zu tötenden Frauen, Kindern und Alten und den für ein paar Wochen noch arbeitsfähigen Männern, von den todkalten Blicken eines Arztes auf geeignete menschliche Objekte für seine abartigen Versuche, von den Peitschen der Wachleute, von den ersten Unternehmen des NS-Staates, in den Gaskammern zusammengepferchte jüdische Menschen mit Dieselabgasen über Stunden hinweg zu ersticken. Vom Hunger, Folter und dem Geruch brennenden Fleisches. Davon, dass Überlebende nach dem Ende des Terrors vor ihren Kindern geschwiegen haben und sich erst Jahre später ihren Enkeln, unseren Mitbürgern gegenüber, ein wenig geöffnet haben. . Die Erinnerungen an die Erzählungen sind gegenwärtig in Deutschland, Die Zeitzeugenschaft ist zeitlos in den Familien der Nachkommen und jenen mancher Täter. Sie ist und bleibt ein Teil der eigenen Identität.

Und was anderes als die Gegenwart der Vergangenheit ist es, wenn wirre Köpfe Kerzen auf Stolpersteine stellen und sich den jüdischen Mordopfern gleichgestellt sehen durch den Versuch des Staates, uns alle vor einem tödlichen Virus zu schützen? Was ist es anderes als die Gegenwart von Geschichte, wenn Rapper skandieren, ihr Körper sei definierter als der ausgemergelte von Auschwitzinsassen, und rufen, „mach doch mal wieder `nen Holocaust.“ Was ist es anderes als Gegenwart, wenn Internetspiele Highscoretabellen nach der Zahl der getöteten Juden anbieten und Todeslisten abrufbar sind, die zur Priorisierung des Mordaufrufs den Zielnamen Davidsterne beifügen? Geschichte ist nicht Vergangenheit, wir tragen sie mit uns.

Das zeigt aber nur, dass die Erinnerung gegenwärtig ist, sagt aber noch nicht, warum es nicht genügt, sie in Geschichtsbüchern zu referieren, warum wir grausame Geschichten erzählen und furchtbare Bilder brauchen, warum wir uns nicht abwenden dürfen.

Ich mute Ihnen das jetzt zu, es ist nur eine von ungezählten Überlieferungen: Die Enkelin zweier ihrer das Konzentrationslager überlebender Großeltern spricht in dem kleinen Band „Leben mit Auschwitz“ über eine der vielen unerträglichen Geschichten, die wir, so meine ich, ertragen müssen. Ihr Großvater, den sie sehr geliebt und den sie erlebt hat, wie er die Last der Erinnerung kaum mehr ertragend, eine Schusswaffe gegen sich gerichtet. Er hat ihr danach erzählt und sie erzählt es weiter als Teil der eigenen Geschichte: Mein Opa ist mit Frau und Kindern nach Auschwitz gekommen. Aus dem Viehwaggon gezerrt hatte er das jüngste Kind, ein Baby, auf dem Arm. Das habe bitterlich geweint. Ein SS-Mann habe es ihm wegnehmen wollen. Lassen Sie mich es doch kurz beruhigen, habe ihr Opa gesagt. Da habe der SS-Mann erwidert, keine Sorge, ich beruhige es schon, das Baby an den Beinen weggerissen und mit dem Kopf gegen den Viehwaggon geschlagen. Es war sofort tot. „Mein Opa“, so sagt sie, „hat mir in meiner Kindheit nicht viel erzählt. Das mit dem Baby, das immer wieder.“ Das gehört also zu den wachen Alpträumen heute Lebender.

Warum also tun wir uns solche Geschichten an?

Zwei Gründe sind es, weswegen wir es nicht tun.

Der erste Grund: Vergangenheit bewältigen. Vergangenheit kann nicht bewältigt werden.

Der zweite Grund: Schuld bekennen. Schuld trägt, wer ein Verbrechen begangen hat. Schuld wird nicht vererbt, Schuld trägt kein Kollektiv, kein Volk von Nachfahren. Nichtschuldige Nachgeborene haben nichts zu sühnen.

Aber wir alle tragen gerade in Deutschland Verantwortung dafür, dass wir keine neue Schuld, keinen neuen grauenvollen Hass auf andere Menschen auf uns laden, sie ausgrenzen, verfolgen und verletzen, nur weil sie eine andere historische Identität, eine andere Kultur, eine andere Religion haben. Wir tragen Verantwortung Vorkehrungen zu treffen, damit die Zeiten der Finsternis nicht wiederkehren und das Gift, das zu Shoa geführt hat, nicht wieder schleichend zu wirken beginnt. Geschichte wird sich, so sind wir, vielleicht ein bisschen bange, gewiss nicht so wiederholen, aber sie kann wie ein Virus wiederkehren, wandlungs- und anpassungsfähig, und unser Immunsystem auf die Probe stellen. Sie, die Probe, müssen wir Heutigen bestehen, wenn wir die Unantastbarkeit der Menschenwürde, Freiheit und Frieden bewahren wollen.

Zwei Gründe sind es daher umgekehrt, weswegen wir nicht vergessen dürfen: Weil wir wissen, dass es nicht einen Täter gab, sondern Hunderttausend, dass es nicht einen Mitwisser gab, sondern Millionen mitgewusst oder mitgeahnt haben, weil es nicht nur SS und Gestapo gab, sondern Heerscharen von Mitläufern und Gehilfen. Das Protokoll der Wannsee-Konferenz beweist es amtlich, dass es hohe Offiziere, hohe Beamte gab, ausgebildet und aufgewachsen in einer demokratischen Republik, deren Sorge nicht dem Sterben der Menschen in Auschwitz galt, sondern seiner Perfektionierung, und allenfalls noch der seelischen Gesundheit derer, die das Zyklon B in die Schächte geworfen haben.

Was fehlte solchen Menschen, Hunderttausenden, damals, ich frage mich das immer wieder? Es war nicht das Wissen um das Verbrecherische ihres Tuns, sonst hätten sie es nicht versucht zu verbergen-Was ihnen fehlte, war auch nicht nur der Mut zu widerstehen, das auch. Was fehlte, war vor allem jegliche Empathie, jegliches Mitgefühl mit dem Leiden Anderer, jeglicher Respekt vor dem Leben und der Würde der geschundenen Opfer. Was fehlte, war Herzensbildung. Die hat man nicht, die muss man lernen.

Und wenn wir nicht nur von den heutigen Verletzungen, sondern von dem wild geifernden Hass im Netz lesen, von dem Zehntel unserer Mitmenschen, die manifeste Antisemiten sind, von dem Fünftel, die es latent sind, dann wissen wir, es ist an der Zeit am Mut und an der Herzensbildung zu arbeiten. Dazu genügen keine historischen Seminare. Der Grund für die grausamen Bilder und die grausamen Geschichten ist – für mich – eine große Hoffnung, die der Auschwitzüberlebende und israelische Künstler Yehuda Bacon wunderbar formuliert: „Man kann die Menschen für das Gute erschüttern.“

Ein zweites nicht minder Wichtiges gebietet uns Erinnerung:

Nach Halle hat eine junge amerikanische Rabbinerin, die dabei gewesen war, von der Angst jüdischer Menschen in Deutschland berichtet. Und sie hat dann ihre jüdischen Mitmenschen aufgerufen zu leben, lebendig ihre Kultur und ihren Glauben auszuüben, aufgerufen auf Hebräisch Chai.

Dazu beizutragen gehört zu unserer Verantwortung. Gedenken bedeutet daher auch, uns an die Seite der heutigen Nachfahren früherer Opfer und der heute mit uns Lebenden zu stellen. Michael Brumlik hat das einmal treffend genannt: Gedenken heißt „erinnernde Solidarität“ zu zeigen.

Für die Kraft, Menschen zum Guten zu erschüttern, und für die Bereitschaft, uns an die Seite derer zu stellen, zu deren seelischen Sedimenten die Verfolgung und Vernichtung ihrer Vorfahren gehört, für „erinnernde“ Solidarität, für die Kraft einer freiheitlichen Demokratie des Respekts, ist anschauliche Erinnerung, sind Tage wie dieser unverzichtbar.

Rede zum Gedenken an die Reichspogromnacht 

Dienstag, 09. November 2021 in der Saarbrücker Synagoge

 

„Meinst Du nicht“, bin ich vor ein paar Monaten gefragt worden, „meinst Du nicht, Du machst ein wenig viel Gewese um diesen Antisemitismus? Ein paar Hundert Hakenkreuze auf Hauswänden, eine paar Hundert Hitlerarme, ein paar Hundert Schmierereien ‚Juda verrecke‘ – Du meine Güte, wie viele Kinder werden jedes Jahr missbraucht, wie viele Frauen geschlagen und geschändet, wie viele Menschen in aller Welt sterben an Hunger und Durst. Und: Meinst Du nicht, den Leuten geht diese Erinnerungskultur so langsam auf den Geist?“

Hass und Hetze, das sind abstrakte Begriffe. Manchen, die sie ganz selbstverständlich ablehnen, fällt es doch schwer, mit ihnen etwas zu verbinden, was sie selbst berührt.

Also erzähle ich eine kleine wahre Geschichte, die Geschichte eines meiner ersten Erlebnisse nach meiner Beauftragung. An Ostern 2019 fand sich auf dem Anrufbeantworter der Synagogengemeinde Saarbrücken eine Nachricht, die Stimme von Hitler imitierend:

„In Buchenwald, in Buchenwald, da machen wir die Juden kalt. In Belsen, in Belsen, hängen wir sie an Felsen. Sie müssen wieder brennen, die Synagogen, der Judenabschaum, sie müssen wieder brennen.“

Ich weiß, dass es nicht einfach ist, solche Sätze zu hören, es ist auch nicht einfach, sie zu wiederholen. Aber nur dann, wenn wir sie wiederholen und wenn wir sie hören, vermögen wir ein Gefühl für ihre Bedeutung zu entwickeln. Und ihre Bedeutung liegt darin, dass es sich um Worte handelt, die 80 Jahre nach dem November 1938 gesprochen wurden, fünf Monate vor dem Anschlag von Halle. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie heute gesprochen worden sind, von einem 17jährigen Deutschen.

Der 09.11.1938 war in der deutschen Geschichte ein besonderer Tag. Josef Goebbels hatte ihn lange vorbereitet und die Entfesselung des Volkszorns genannt. Er hat diese Nacht, wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht, genossen. Diejenigen, die versucht haben, der Verwüstung Einhalt zu gebieten, um deutsch-arisches Eigentum zu sichern, das von den Flammen der zu zerstörenden jüdischen Gebäude erfasst zu werden drohte, um der Vermögenswerte habhaft zu werden, die die jüdische Gemeinschaft noch bewahrte, um plündern und sich bereichern zu können, hat er zurückgewiesen. Josef Goebbels hat den totalen Vernichtungskrieg, den er später für alle Deutschen ausgerufen hat, für eine Gruppe deutscher Männer, Frauen und Kinder vorweggenommen.

Aber zur Wahrheit gehört: Josef Goebbels selbst hat keine Synagoge angezündet hat, er selbst hat keine Thorarolle zerfleddert, keine Wohnung einer jüdischen Nachbarin blindwütig zerstört, er war nur ein kalter, mordlustiger Beobachter dessen, was die Schergen der SA, die Horden der knüppelnden SA, die Rotten des NS-Kraftfahrkorps an Lunten gelegt haben.

Zugleich war er auch stolz darauf, dass es auch andere waren, vermeintliche Freunde, Nachbarn, Bürger, die ihren Kindern die Steine reichten, um die Glasscheiben, das „Kristall“ dieser Nacht, einzuwerfen, Überzeugte und Mitläufer, Habgierige und Verrohte, Täter und Zuschauer. Viele Menschen in Deutschland haben diese Brandschatzungen verurteilt, leider meist still und heimlich, wir dürfen uns nicht erheben, was hätten wir denn getan. Viele Menschen haben Mitleid gefühlt und klammheimlich – manche, wenige auch offen – gezeigt. Wir dürfen uns nicht erheben, wir sind nicht dabei gewesen und wir sind nicht vor eine Wahl gestellt gewesen. Gerade deshalb aber sollte uns die Erinnerung an diesen Tag, an die, die, vielleicht betreten, zugeschaut, die, vielleicht entsetzt, weggeschaut, die, die sich in ihre Wohnungen verkrochen und vielleicht sogar leise geweint haben, vielleicht sollten sie uns Anlass sein, ein paar Worte von Elie Wiesel, des Friedensnobelpreisträgers, zu wiederholen:

„Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Glaube ist nicht Überheblichkeit, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, sondern es ist Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist nicht der Anfang eines Prozesses, sondern sein Ende. Wenn Sie die Wahl haben zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit zu wählen, wählen Sie die Verzweiflung, nicht die Gleichgültigkeit. Denn aus Verzweiflung kann eine Botschaft hervorgehen, aber aus Gleichgültigkeit kann nichts hervorgehen.“

Deshalb müssen wir uns die Verzweiflung, die in dieser Nacht geboren wurde, vorstellen: Jeanine Meerapfel, eine bedeutende deutsch- argentinische Regisseurin und Präsidentin der Akademie der Künste Berlin, schreibt:

„Es ist schwer, sich die Angst und die Verzweiflung vorzustellen, die diese Nacht ausgelöst hat. Wenn ich versuche, mir das Geschehen vor Augen zu führen, das plötzlich alles in Frage stellte, jede Lebensordnung, jede Gewissheit, jede Selbstverständlichkeit des Alltags, packt mich die blanke Angst.“

Vor ein paar Tagen war ich in Gurs, dort, wo, kaum zwei Jahre nach dem 9. / 10.11. 1938, auf damals schlammig-kaltem grauen Land nach tagelanger Eisenbahnfahrt das Siechtum und Sterben saarländischer, pfälzischer und badischer deportierter Jüdinnen und Juden begann. Dort stehen heute auf einem weiten sorgsam gepflegten Feld im Angesicht der Pyrenäen Grabsteine, manche mit einigen Kieselsteinen der Erinnerung in Trauer geschmückt, wie es jüdischer Brauch ist: Emma Barth aus Illingen, Tilla Levy aus Merzig, Rosa Beer aus St. Ingbert, Anna Heymann aus Saarbrücken, Bertha Graber aus Homburg, Erna Berl aus St. Wendel, um nur, zufällig entdeckt, wenige zu nennen. Die Grabsteine markieren keine Gräber. Die Inschriften lauten jeweils weiter: Verschollen in Auschwitz. Dass sie die Namen derer tragen, deren wahre Grabstätte der Rauch über den Krematorien ist, soll sie lebendig in unserem Gedächtnis halten.

In der Tat, es ist schwer, sich diese Nacht der Finsternis und den ihr folgenden Tag der Schwärze vorzustellen, an denen die Rauchsäulen über den Trümmern der Synagogen andere Rauchsäulen vorangekündigt haben.

Es ist schwer sich vorzustellen, was alles in dieser Nacht auch verraten wurde: Nachbarschaften, Freundschaften, Würde.

Die Reichspogromnacht war die Nacht einer unendlichen Demütigung. Aber in Wirklichkeit haben sich die Täter mit ihren vom Rassenwahn verwahrlosten Seelen selbst gedemütigt: Der große österreichisch-deutsche-jüdische Psychiater Viktor Frankl hat schon recht, wenn er schreibt: In Wirklichkeit gibt es nur zwei Rassen, die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der Unanständigen.

Und nichts Anderes gilt es in dem Gedenken an diese Nacht zu erkennen, eine Nacht, die auch eine Begegnung ist, eine Begegnung des Menschen mit sich selbst, mit seinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, Mut zu haben oder nicht zu haben, mitzuempfinden oder stumm und taub und blind und fühllos zu bleiben, mit seinen Fähigkeiten standhaft zu sein oder mitzulaufen, ein Herz zu haben oder einen Stein an dessen Stelle.

Das Verlangen nach Erinnerung ist für mich alles andere als eine Empfehlung zu einer archivarischen Existenz. Es ist kein Ruf nach der Bewältigung einer Vergangenheit, die nicht bewältigt werden kann, weil sie nun einmal geschehen ist. Niemand kann heute Schuld sühnen, aber alle können wir Verantwortung übernehmen. Es geht darum, etwas zu finden, was uns vor den Gefahren einer Verwüstung unser Seelen schützt: Den Blick auf Unmenschlichkeit, den Blick auf Entwürdigung, den Blick auf Leiden. Es geht darum, ganz einfach, Herzensbildung zu gewinnen.

Nichts Anderes ist Sinn und Zweck der Erinnerung an den 09. und den 10. November 1938: Der Blick auf die Feuer in den Synagogen, auf die eingeworfenen Glasscheiben der Fenster der Geschäfte und Wohnungen jüdischer Deutscher. Der Blick auf die Bilder der ratlosen und entsetzten Augen der Kinder, die in diesem November 1938 in gar keiner Weise verstanden haben und verstehen konnten, was um sie geschah. Es geht um den Schutz vor zerstörerischen Bränden, vor einem Feuer, dessen geringster Schaden die Gebäude sind, dessen größter aber die Seelen der Menschen. Es geht um uns, heute.

Meinst Du nicht, hat jemand gefragt, meinst Du nicht, Du machst ein bisschen viel Gewese um Gedenken, Erinnern, Antisemitismus?

Nein. Das meine ich nicht.

Jubiläumsgottesdienst der Synagogengemeinde Saar anl. 75 Jahre Neugründung

Sonntag, 06. Juni 2021 in der Saarbrücker Synagoge

Neben dem Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ feiert die Synagogengemeinde Saar im Jahr 2021 zwei weitere Meilensteine ihrer Geschichte: zum einen wurde bereits im Jahre 1946, nur ein Jahr nach der Schoa  die Synagogengemeinde Saar in Saarbrücken neu gegründet. Fünf Jahre später wurde dann auch der Bau der neuen Synagoge an dem Ort, an dem sie sich heute befindet, fertig gestellt. Anlässlich dieser beiden Jubiläen veranstaltete die Synagogengemeinde Saar einen Gottesdienst in der Synagoge in Saarbrücken.

Nur eine begrenzte Auswahl an Gästen konnte persönlich am Gottesdienst teilnehmen und mitwirken, darunter der Ministerpräsident des Saarlandes, Herr Tobias Hans, der Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken, Herr Uwe Conradt, der Landtagspräsident, Herr Stephan Toscani und der Beauftragte für jüdisches Leben im Saarland und gegen Antisemitismus, Herr Prof. Roland Rixecker sowie der gesamte Vorstand und die Repräsentanz der Synagogengemeinde Saar.

Der vollständige Gottesdienst wurde im SR-Fernsehen live übertragen. Sie können ihn in voller Länge unter folgendem Link noch einmal anschauen: https://www.ardmediathek.de/video/beitraege/synagogengemeinde-feiert-75-jahre/sr-de/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9CRV9TUkRFXzEwMzU3Ng/

Rede des Beauftragten anl. Themengottesdienst der Evangelischen Kirchen für das Saarland "1700 Jahre Judentum in Deutschland" 

Sonntag, 06. Juni 2021 in der Ludwigskirche Saarbrücken

„Erinnerung“, so schreibt der libanesische Dichter Khalil Gibran, „Erinnerung ist eine Form der Begegnung.“ Im Jahr 2021 erinnern wir uns an 1700 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland, an ein Dokument des römischen Kaisers Konstantin, der im Jahr 321 Juden das Recht zugestand, Ratsherren im deutschen Teil seines Reiches zu werden. Das war zwar auch ein erstes Recht, das Juden gewährt wurde, in Wirklichkeit aber eine Pflicht: Ratsmitglieder mussten die finanziellen Lasten des Kaiserreichs und seiner Gemeinden tragen. Es war also der Beginn einer funktionalen Beziehung von Deutschen zu Juden: Wohlhabende Juden, wurden gelitten, zeitweise, arme litten nur auf der historischen Reise in das Jahr 2021 mit ihren wenigen hellen und zahlreichen tiefschwarzen Tagen und Nächten in Deutschland. Das heißt: 1700 Jahre jüdisches Leben ist also eine deutsche Geschichte, eine Geschichte, in deren Verlauf wir Deutschen uns selbst begegnen.

Wenn wir heute über jüdisches Leben sprechen, sprechen wir über die Shoa. Manche auf jüdischer Seite bezeichnen das als Gedächtnistheater, als eine Inszenierung, die eine neue deutsche Identität durch das Bekenntnis der Läuterung stiften soll. Juden schreibt der jüdische Autor Max Czollek, würden dazu an sich nicht unbedingt benötigt: Synagogen könne man auch ohne jüdische Beteiligung aufbauen, jüdische Museen von deutschen Leitern ausstatten lassen. Wichtig seien Juden eigentlich nur dort, wo sie – und das wäre wieder eine funktionale Beziehung – wo sie Deutschen, Czollek schreibt „den Nachfahren der Täter“, dazu dienten, sich mit der eigenen Gewaltgeschichte zu versöhnen. Mit der Vielfalt, der Diversität jüdischen Lebens, mit jüdischen Positionen habe dies alles nur teilweise zu tun.

Trifft das wirklich zu? Versagen wir jüdischen Menschen vielleicht Respekt, wenn wir sie nur als Opfer betrachten? Oder macht es gerade in diesem Jahr Sinn, zusammen mit der Erinnerung an die Shoa einmal zu schauen, den Juden in Deutschland eine eigene, stolze Stimme – besser gesagt viele viele unterschiedliche stolze Stimmen – zu geben oder besser zu lassen?

Natürlich müssen wir – immer wieder – über das Menschheitsverbrechen der industrialisierten Vernichtung von Millionen jüdischer Menschen sprechen. Dabei müssen wir aber nicht zuletzt wissen, „warum“ wir immer wieder darüber sprechen müssen: Nicht um uns Lebende zu geißeln, sondern damit wir dem nicht nur widerstehen, sondern es bekämpfen können, was in 1700 Jahren immer wieder leise angeschlichen kam und dann ausgebrochen ist, die hasserfüllte Ausgrenzung einer Gruppe von Menschen, die abartigen Verschwörungsfantasien – vom Hostienfrevel über die Ritualmorderfindung bis heute zur Pandemie als dem Teil einer jüdischen Machtergreifung.

Auch das sind katastrophale Seuchen, die die Vernunft unheilbar infizieren können, die den Landfrieden, die Freiheit und die Würde aller bedrohen. Sie sind – wie alle Seuchen – nicht plötzlich einfach da, sie entstehen heimlich, brechen hier und da erst in begrenztem Umfang aus, um dann mit Wucht alles, was den Menschen ausmacht, zu befallen und zu zerstören. Der 31.01.1933 hatte eine lange Vorgeschichte, der 09.11.1938 hatte eine lange Vorgeschichte. Wir erinnern uns um unserer Gegenwart und Zukunft willen.

Und um unserer Gegenwart und Zukunft willen müssen wir aber gerade auch über den kulturellen, den zivilisatorischen Reichtum zu sprechen, den wir jüdischen Menschen in Deutschland verdanken: Albert Einstein und Paul Ehrlich, Gustav Mahler und Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Kafka und Heinrich Heine, Lise Meitner, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Rahel Varnhagen, vielleicht, auf der konservativen politischen Seite auch Walther Rathenau und auf der nicht so konservativen Rosa Luxemburg. Und weil wir im Saarland sind: uns bewusst machen, dass es einen jüdischen Generalmusikdirektor Felix Lederer, einen jüdischen Generalintendanten Dr. Georg Pauly gab, dass es neben bedeutenden Ärzten, Kaufleuten und Bankiers Menschen gab, die die rechtsstaatlichen Grundlagen unserer saarländischen Verfassung gelegt haben, die Juristen Alfred Levy und Gustav Levy. Und dass es ganz viele Menschen jüdischen Glaubens gab und gibt, die uns nichtjüdischen Deutschen ihr Vertrauen gegeben haben und geben und mit ihren Kindern, Enkeln und Großenkeln als unsere Nachbarn aus der Vertreibung zurückgekehrt oder neu zu uns gekommen sind und uns in diesem Jahr zu ihrer Musik, ihrer Poesie, ihren Festen einladen wollen, zu Sukkot im September etwa, in eine Laubhütte, die kein Dach hat, damit die Menschen den Himmel sehen können und das, was sie mit ihm in ihrem Innern verbinden.

Der evangelischen Pfarrerin Stefanie Schardien verdanke ich einen wunderbaren Hinweis. Was heißt erinnern, was bedeutet es, wenn wir in unserer Gegenwart immer wieder Erinnerungen für die Zukunft schaffen: Im Deutschen weist das Wort erinnern daraufhin, dass Erlebtes verinnerlicht, zu dem wird, was unser Innerstes ausmacht. Es bedeutet also, dass Vergangenheit (und der Umgang mit ihr) Teil von uns wird. Im Englischen heißt erinnern to remember, Erinnerung remembrance: Wenn wir uns erinnern, nehmen wir danach etwas, was war, wieder zu uns auf, wir machen es wieder zum Mitglied unserer Gemeinschaft, zum Teil unseres Lebens und Handelns und wollen es behalten.

Deshalb ist 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland kein Gedächtnistheater von nichtjüdischen Deutschen für nichtjüdische Deutsche mit der Funktion, das wohlige Gefühl zu wecken, zu den Guten zu gehören. Es ist sowohl eine Schrift an der Wand, die mahnt, dass wir wachsam sein müssen, als auch ein Zeichen der Zuversicht: Jüdisches Leben in Deutschland ist kein romantisch-museales historisches Ausstellungsstück zwischen Klezmermusik, Meschugge-Partys und gefillte Fisch. Jüdisches Leben ist ein sehr anspruchsvoller und differenzierter, integraler und eminent wichtiger Teil unserer deutschen Gegenwart und Zukunft. Und das ist notwendig und das ist gut so.

Stage 2