Bühne 4
Die Arbeit des Beauftragten

Rede des Beauftragten zum 81. Gedenken an die Pogromnacht vom 09. November 1938

Sonntag, 10. November 2019 in der Saarbrücker Synagoge

 

Vor einem Monat las ich in einer Berliner Zeitung den Beitrag einer Journalistin über ihren Besuch eines jüdischen Kindergartens. Als sie eintraf, spielten die zwei- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen gerade „Katz und Maus“. Ihre Aufgabe war es, sich so gut wie irgend möglich im Kindergarten zu verstecken. „Schönes Spiel“, lächelte die Journalistin den eifrigen Kindern zu. Da antwortete die Kindergärtnerin ganz ernst: „Das ist kein Spiel. Das ist eine Übung.“ Es war der Tag nach Halle.

Ist in Deutschland die Zeit gekommen – für jüdische Bürgerinnen und Bürger, vielleicht auch für uns – wieder zu üben, zu lernen uns zu verstecken, uns vor den Schergen der Unmenschlichkeit zu verbergen?

Der 09.11.1938 war im Saarland ein milder Spätherbsttag, zu warm für den November, bedeckt, zuweilen neblig und trüb. Im Laufe des Tages wurde es wärmer und heller, es war eine helllichte Dunkelheit, es leuchtete in den Gemeinden des Saarlandes lichterloh. 14 saarländische Synagogen wurden verwüstet und in Brand gesetzt, in Saarbrücken wie in Ottweiler, in Illingen wie in Saarlouis, in Merzig wie im St. Wendeler Land. Heilige Schriften wurden zerfleddert und verbrannten auf den Straßen. Die Scheiben jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen. Die Wohnungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden aufgebrochen, sie selbst geschlagen, misshandelt und verhöhnt, bevor sie in Haft genommen und deportiert wurden. Manche wurden nackt durch die Orte getrieben. Polizei und Feuerwehr standen bereit und schauten zu. Ein Krankenhaus verweigerte die Aufnahme von Verletzten. Nachbarn, manche, wandten sich voller Scham ab, manche schlossen sich in ihren Wohnungen ein.

Viele aber genossen das Schauspiel, hetzten mit Rufen, stachelten ihre Kinder an, Steine auf jüdische Geschäfte zu werfen, viele ließen ihrer Häme und Habgier freien Lauf und plünderten.

Eine ältere Jüdin schrie in Dillingen aus dem Fenster ihres Wohnzimmers: „Seid Ihr noch Menschen?“. Seid Ihr noch Menschen? Wer waren die, denen sie zurief, seid ihr noch Menschen?

Das waren die Nazis, sagten Zeugen später in den wenigen Prozessen aus, die nach 1945 geführt wurden und häufig mit Freisprüchen endeten. Die Nazis? Dort wo die Synagogen brannten und die jüdischen Menschen getreten und niedergeknüppelt wurden, waren es nicht Hitler und Himmler, nicht Goebbels und Heydrich, die das taten. Es waren eine Million Mitglieder der SA und zigtausende Mitglieder von SS und Gestapo. Und es war die Mitte der deutschen, der saarländischen Gesellschaft, die zuschaute, zuweilen unangenehm berührt, häufig hämisch, häufig mit Applaus. Der guten Ordnung halber, und das ist mir wichtig: Es geht nicht um ein hochfahrendes und anmaßendes Sich- an-die-Brust-Klopfen im Duktus: Wir sind die Guten, oder wenigsten, wir haben gelernt, und die, die sich schuldig gemacht haben, sind in die glorreiche deutsche Geschichte eingebrochen aber doch wieder verschwunden. Wer von uns nichtjüdischen Deutschen wäre so selbstherrlich zu behaupten, wir hätten die Feuer gelöscht, wir hätten die Geschändeten gerettet? Alle Heutigen dürfen hoffen, so mutig gewesen zu sein. Aber naturgemäß ist es viel einfacher, ein entsetzliches Geschehen entsetzlich zu nennen, als ein entsetzliches Geschehen zu verhindern oder ihm zu widerstehen.

Erinnern, so hat es Richard von Weizsäcker einmal formuliert, verlange Wahrhaftigkeit. Und zur Wahrhaftigkeit gehört, wie wir forschungsgesichert wissen, dass es nicht „die Nazis“ auf der einen und „die Deutschen“ auf der anderen Seite gab, sondern eine, wie sie es damals nannten, „Volksgemeinschaft“, die das, was am 09. 11.1938 geschah, vielfach im Wesentlichen für richtig hielt.

Daher gilt der Satz von Nelly Sachs, einer der großen jüdischen Lyrikerinnen Deutschlands, allen: „Ihr Zuschauer, unter deren Blicken getötet wurde, - denkt daran – so wie man auch einen Blick im Rücken fühlt, so werdet ihr einmal an Eurem Leibe die Blicke der Toten fühlen“.

Heute gedenken wir des 09. 11.2019, des ersten Höhepunkts der Barbarei in Deutschland, eines furchtbaren Meilensteins zur Shoa. Die Tage waren eine Art zentral geplanter und überall in Deutschland, überall erfolgreich durchgeführter Probelauf. Die Führung der NSDAP wollte testen, wie das Volk reagiert, wenn die Synagogen brennen und die jüdischen Geschäfte geplündert werden. Das Volk blieb still. Viele haben sich bereichert. Manche, wenige, haben sich beschämt abgewandt und geschwiegen. Aber es ist still geblieben. Das deutsche Volk hat den Test „bestanden“. Der nächste Schritt folgte nur wenig später: Die Planung und Durchführung der industriellen Vernichtung von Abermillionen Menschen. Auch dazu schwieg das Volk.

Die moralische Vernichtung Deutschlands selbst fand aber schon im November 1938 statt und setzte sich nur noch intensiver in den nächsten Jahren fort.

Es war zugleich eine kulturelle, eine zivilisatorische Selbstverstümmelung. Denn das jüdische Leben prägte das deutsche, das Judentum ist auch ein Teil Deutschlands gewesen und ist es glücklicherweise wieder.

Die jüdische Zivilisation, das jüdische Wissen, die jüdische Kultur waren immer Teil der deutschen geschichtlichen Entwicklung. Wer kann Deutschland denken ohne Adorno und Wittgenstein, ohne Tucholsky und Seghers, ohne Mendelsohn-Bartholdy, Liebermann und Hindemith, ohne Einstein und Meitner, ohne, auf den Seiten der Politik, Erzberger und Rathenau? Die Zahl der an jüdisch-deutsche Wissenschaftler verliehenen Nobelpreise in der Weimarer Republik – mehr als zehn – zeigt die Bedeutung der von jüdischen Deutschen geprägten Wissenschaft in Deutschland.


Wenn wir uns erinnern, blättern wir nicht die Fotoalben des vergangenen Jahrhunderts mit schauderndem Blick aus historischer Wissbegier durch.

Die jüdisch-deutsche Historikerin Hannah Arendt hat in ihrer berühmten Lessingrede ausgeführt, die Redensart, man müsse erst einmal die Vergangenheit bewältigen, sei unsinnig. Keine Vergangenheit könne man bewältigen, diese schon gar nicht. Das Höchste, was man erreichen könne, sei zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus ergibt.“

Mir liegt daher daran, den Sinn des Gedenkens zu nennen, gerade wegen des Unverständnisses Mancher in Deutschland, auch mancher junger Menschen, die das Gedenken an die Shoa und auch jenes an die Reichspogromnacht, im besten Fall als lästig betrachten, im Schlimmsten verbieten wollen, die, wie Teile einer bestimmten Fraktion des Deutschen Bundestages den von ihnen erfundenen angeblichen Schuldkult für beendet erklären. Das ist eine neue Art der Bücherverbrennung und eine intellektuelle Bankrotterklärung.

Gedenken und Erinnern sind keine historische Disziplin, sondern Voraussetzung der Zukunftsgestaltung. Der 30.01.1933, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, war kein Blitz aus heiterem Himmel, der 15.09.1935, das Inkrafttreten der Reichsbürgergesetze, mit denen jüdische Menschen entrechtet und entwürdigt, zu Menschen zweiter oder gar keiner Klasse mehr wurden, war kein Blitz aus heiterem Himmel. Der 09.11.1938 war kein Blitz aus heiterem Himmel.

Sie alle waren Schritte eines Prozesses, auch einer medialen Brandlegung, einer Anstiftung zur Hetzjagd, zum Mob, zur Plünderung und zum Mord. Es waren alles Stationen auf dem mit qualvoller Grausamkeit schleichend zurückgelegten Weg der Entmenschlichung Deutschlands – und nicht etwa eines abstrakten „Deutschen Reichs“, „abstrakter Nazis“, sondern der Entmenschlichung von großen Teilen der „Volksgemeinschaft“. Die Verführbarkeit von Berufen, Juristen, Medizinern, Lehrern, Theologen, Journalisten, Verwaltungsbeamten und Soldaten, die Verführbarkeit einer ganz großen Zahl von Deutschen, bewies sich nicht an einem einzigen Tag. Sie begann langsam und sie begann mit Sprache. „Die Juden sind unser Unglück“. „Juda verrecke“. „Juden raus“. „Kauft nicht bei Juden“. Das las man damals.

Und diese entgleiste Sprache bereitete den Boden für entgleiste Handlungen, für ein Menschheitsverbrechen.

Genau diese Entgleisung von Sprache finden wir wieder in den Medien der Jetztzeit, in der Anonymität der Netzwerke. Genau diese Entgleisungen finden wir, wenn jüdische Bürgerinnen und Bürger gejagt werden, bespuckt werden, sie ausgegrenzt werden in Schulklassen, ihnen die Kippa vom Kopf geschlagen wird, wenn Menschen mit Messern bewaffnet in die Schutzzonen vor Synagogen eindringen. Hass ist keine Meinung. Anonyme Poster sind keine Grundrechtsträger. Sie legen die Lunten, die dann, wie in Halle, auch gezündet werden.

Wir erinnern uns also um zu vergleichen und zu erkennen, wann es wieder beginnen könnte oder zu beginnen beginnt. Damit wir die Wachen aufziehen und den Brandstiftern entgegentreten können. Erinnerung an die Vergangenheit ist ein Zukunftsprojekt.

Vereinfacht gesagt: Hätten am 09.11.November 1938 die Menschen nicht zugeschaut, hätten nicht Einzelne, hätten alle oder auch nur viele erkannt, dass das, was sie tun, nicht nur Unrecht, dass es widerwärtig und böse ist, hätte das nichts bewirkt?

 

In diesen Tagen hat ein angesehenes deutsches Consultingunternehmen im Auftrag des Jüdischen Weltkongresses eine Studie vorgelegt – die vor dem Anschlag in Halle durchgeführt wurde. Nach ihr hat ¼ aller Deutschen eine antisemitische Grundeinstellung, im Klartext: einen Hass auf Juden. Ein Fünftel der sogenannten Eliten Deutschlands meint, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft. 12 % aller Befragten geben an, Juden seien für die meisten Kriege in der Welt verantwortlich.

Ist das wirklich eine Neuigkeit, die uns unvorbereitet getroffen hat? Seit Jahrzehnten wissen wir aus empirischen Langzeitstudien der Leipziger Universität, dass mindestens 20% aller Deutschen über die Zeit hinweg latent und 10 % manifest antisemitische Einstellungen pflegten.

Der Antisemitismus ist seit langem mitten unter uns. Deutschland hat aber, so hat es kürzlich Ralph S. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses formuliert, sechs Millionen Gründe, dieser Entwicklung gegenüber besonders sensibel zu sein und dem nicht nur durch Reden wie in den letzten Wochen und durch Reden wie heute entgegenzutreten, sondern zu handeln. Was tut Ihr dagegen, fragt er?

Wo die Würde von Menschen verletzt wird, muss das geahndet werden. Wo Menschen verletzt werden, müssen den Verletzer Sanktionen treffen. Wo jüdische Menschen diskriminiert und verfolgt werden, genügt es nicht zu bedauern und zu klagen. Und wo vermeintlich aufgeklärte, vermeintlich abgewogene Menschen verkennen, dass die Staatlichkeit Israels und der Schutz seiner Unabhängigkeit und Freiheit zur Staatsraison der Bundesrepublik gehört genügt es nicht Resolutionen, so wichtig sie sind, zu fassen. Auch von Seiten der Rechtsprechung als hinzunehmen deklarierte Parolen wie „Israel ist unser Unglück“, „nie nie wieder Israel“, oder die Aufforderung zum Boykott israelischer Unternehmen stehen im Widerspruch zur Staatsraison der Bundesrepublik. Die Sicherheitsbehörden müssen – und im Saarland sind sie es glücklicherweise – sensibel sein für antisemitische Bedrohungen und Verletzungen und die Justiz muss zweifelfrei die Meinungsfreiheit schützen, aber auch ihre Grenzen achten. Das ist auch ein Appell, der von dem heutigen Tag ausgehen kann.

 

Das Bundesverfassungsgericht hat es einmal prägend formuliert: „Das menschenverachtende Regime dieser Zeit, das über Europa und die Welt in unermesslichem Ausmaß Leid, Tod und Unterdrückung gebracht hat, hat für die verfassungsrechtliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland eine gegenbildlich identitätsprägende Bedeutung, die einzigartig ist und allein auf der Grundlage allgemeiner gesetzlicher Bestimmungen nicht eingefangen werden kann. Das bewusste Absetzen von der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus war historisch zentrales Anliegen aller an der Entstehung wie Inkraftsetzung des Grundgesetzes beteiligten Kräfte.“ Und das gilt weiterhin.

Die Arbeit des Gedenkens, die Arbeit der Vorkehrung vor einer Wiederholung, der Widerstand gegen Entwicklungen ähnlicher oder auch nur in das Vorbereitungsstadium gelangender Unternehmungen, ist also keine austauschbare Politik, sie ist eine verfassungsrechtliche Forderung.

Was ist die Botschaft der Reichspogromnacht: Wir müssen nachdenken über Zivilisation und Kultur, über Barbarei und Bestialität und über den schmalen Grat, der zwischen beidem liegen kann. Wir müssen nachdenken über Gefahren und Gefahrenabwehr. Beim Nachdenken darf es aber nicht bleiben. Wer von uns kann erklären und versprechen, was er dazu leisten will?

Ein Vorschlag: Lassen Sie uns nicht üben, uns zu verstecken. Lassen Sie uns üben, uns zu zeigen. Klar und bestimmt. Mutig und stark. Gemeinsam, jüdische Deutsche und nichtjüdische Deutsche. Mit Respekt zwar auch vor denen, die uns jenseits der Grenzen von Recht und Anstand zu stehen scheinen aber auch den Respekt von ihnen einfordernd, jedoch auch der ungebrochenen Entschiedenheit zu erklären, dass sie jenseits dieser Grenzen stehen und ein freie und zivile Gesellschaft dies nicht dulden kann. Lassen Sie uns denen, die ihre Niedertracht hinter Masken verbergen, ihre Verstecke nehmen. Lassen Sie uns uns unbeugsam und öffentlich von jenen distanzieren, die sich als heutige Nachfolger der Nationalsozialisten als Märtyrer gerieren, obwohl sie in Wirklichkeit Täter sind.

Lassen Sie uns zeigen, dass wir – je in unseren Berufen und unserem Handeln – die Wächterinnen und Wächter der Grenzen sind, der Grenzen, jenseits deren die Unmenschlichkeit beginnt, die uns alle, nicht nur jüdische Menschen, verschlingen kann. Lassen Sie uns im Alltag, an unseren Arbeitsplätzen, in den Begegnungen mit Bekannten und Nachbarn, in den Vereinen und unserer Freizeit zeigen, dass wir diese Grenzen verteidigen, lassen Sie uns zu Wort melden und wo es geschieht, offen an die Seite der Bedrohten treten mit Argumenten und notfalls mit den Mitteln des Rechtsstaats. Nur so werden wir unseren Kindern und Enkeln und weiteren Nachfahren ein liebenswertes und friedfertiges und freies Leben in Deutschland sichern. Nur so werden wir weitere Nächte finsterer Feuer verhindern. Lassen Sie uns erinnern an die Vergangenheit, damit der erste und fundamentale wunderbare Satz des Grundgesetzes Gegenwart und Zukunft bleibt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Rede des Beauftragten anlässlich der Einweihung "Mahnmal gegen das Vergessen"

Dienstag, 12. November 2019 auf dem Marktplatz in Homburg

 

Die Einladung zu dem Gedenken an die Reichspogromnacht vorgestern in der Synagoge in Saarbrücken trug die Worte von Max Mannheimer, eines jüdisch-deutschen Malers und Überlebenden zahlreicher Konzentrationslager, Ritter der Ehrenlegion der Republik Frankreich und Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern der Bundesrepublik Deutschland: „Ihr seid nicht schuld an dem was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Herr Bürgermeister, sehr geehrte Familie Hirsch, verehrte Anwesende, im Namen von Herrn Präsidenten des Landtags des Saarlandes, Stephan Toscani, danke ich für diese Einladung, für das, was die Kreisstadt Homburg mit ihren Bürgerinnen und Bürgern heute einweiht und dafür, dass Sie alle gekommen sind.

Manche haben sich in der Vergangenheit gefragt und Einzelne fragen sich vielleicht auch heute noch: Ist das nicht alles zuviel der Erinnerung, zuviel der Gedenkstätten und Mahnmale, was Bund und Länder und Gemeinden und viele viele zivilgesellschaftliche Organisationen in den letzten Jahren angestoßen haben und weiter bewirken?

Dazu müssen wir zunächst fragen, woran erinnert wird. Das sind hier auf diesem Platz zwei voneinander zu trennende und gleichwohl miteinander verbundene Dinge.

Homburg erinnert an seine jüdischen Bürgerinnen und Bürger, erinnert also an seine eigene Stadtgeschichte, an eine Zeit bürgerschaftlichen Mit- und Nebeneinanders, an eine kulturelle und auch ökonomische Blüte. Was zuweilen in dem Gedenken an die Zerstörung vergessen wird, ist ja das, was zerstört wurde. Was wäre Deutschland ohne seine großen jüdischen Wissenschaftler und Künstler, ohne die Philosophen Horkheimer und Adorno, ohne die Komponisten Moses Mendelssohn und Jacques Offenbach, ohne die Physiker Einstein und Meitner, ohne die Psychoanalytiker Sigmund Freud und Erich Fromm, ohne diese Erben einer jahrtausendealten Kultur. Was wären die Städte Deutschlands, was Homburg, ohne seine gesamte, also auch jüdische Bürgerschaft? Homburg kann stolz darauf sein, dass sich sein Rat und seine Verwaltung mit diesem Ort der Erinnerung dazu bekennt, dass das jüdische Leben einstmals integraler Teil dieser Stadt war.

Homburg erinnert aber auch an seine jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die verschleppt und vernichtet wurden. Damit zeigt die Stadt und zeigt ihre Bürgerschaft zunächst, dass es zur menschlichen Empathie gehört zu trauern um ein Geschehen, das furchtbar aber nicht revidierbar ist.

Sodann aber zeigt Homburg – und das ist der Sinn eines „Mahnmals“ – das Bekenntnis zu der Verantwortung, die Max Mannheimer reklamiert hat. Keine Vergangenheit kann man bewältigen und über die Schuld von Menschen zu sinnen, die längst verstorben sind, ist völlig sinnlos. Aber wir alle können lernen, was wir anders machen sollten und würden.

Denkmale sollen zum Nachdenken anregen, Mahnmale sollen ermahnen, dass wir nicht für selbstverständlich erachten dürfen, was an Freiheit, Gleichheit und Friedfertigkeit heute gilt, sondern dass wir – heute mehr denn je – couragiert dafür eintreten müssen, ein jeder von uns, dass wir, unsere Kinder und Nachfahren, in einer Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit, der Nachbarschaftlichkeit und Friedlichkeit leben dürfen und können, dass, wie Frank Walter Steinmeier kürzlich gesagt hat, wegschauen und weghören, nichts sagen und nichts tun, wenn jüdische Bürgerinnen und Bürger beleidigt, verhöhnt, angegriffen und verletzt werden, keine Option ist, für niemanden und zu keiner Zeit. Das ist, so Steinmeier, Teil unserer Verantwortung. Und gelegentlich bedarf es dazu sichtbarer Zeichen, einer Gedenktafel, eines Stolpersteins, einer Stele oder wie hier, dem Sinnbild einer Kultur, die zu uns gehört.

Homburg kann stolz sein auf das, was hier geschaffen wurde, Homburg kann stolz sein, dass Sie, Frau Hirsch und Herr Hirsch, und Sie, Herr Bürgermeister mit Ihrem Rat und Ihrer Verwaltung, zu dieser der Zukunft zugewandten Erinnerung einen Ort des Anstoßens von Gedanken und von Gedenken aber auch vor dem Gewahrwerden der Gefährdungen von Menschlichkeit und Menschenrechten in unserer Zeit geschenkt haben.

Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung dessen, was wir, noch vor Kurzem, als selbstverständliche Grundlage unseres Alltags betrachtet habe. Den Respekt vor unserem Gegenüber, das Staunen vor Anderem, das Mitnehmen reicher fremder Kultur in die unsere, die Neugier auf Fremdes. Wir können nur lernen. Und, wenn Steine, die Zeichen der Beständigkeit und Dauer, uns lehren können, was von Bedeutung ist, dann betrachten wir sie mit den Augen von wissbegierigen Kindern. Wir leben in Zeiten der Unsicherheit über die Grundlagen unseres Selbstverständnisses, jüdische Menschen werden wieder bedroht, beleidigt, verletzt. In solchen Zeiten sind steinerne Mahnmale, unverrrückbar, Zeichen der Dauer einer Gewissheit. Wir dürfen nicht vergessen, damit wir lebendig bleiben, wachsam, offen und mutig für all das, was ein freies und gerechtes Miteinander uns abverlangt. Sie, Famlie Hirsch, haben dazu die Hand gereicht. Und Sie, Herr Bürgermeister, haben sie ergriffen.

Ich danke Ihnen dafür auch im Namen des Parlaments dieses Landes.  

Ansprache zur Verleihung des Alex-Deutsch-Preises 2019

Mittwoch, 20. November 2019 im Historischen Sitzungssaal des Landratsamtes Ottweiler

 

Manchmal ist man versucht, einen Filmtitel der letzten Jahre abzuwandeln und von unserer Gegenwart als den Zeiten der zunehmenden Finsternis zu sprechen. Tag für Tag lesen und hören wir von Hass und Hetze, von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Tag für Tag begegnen wir in den virtuellen Räumen des Internets – aber durchaus auch auf der Straße – Menschen, die in Welten der Verschwörung und der kriegerischen Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit über die Gegenwart zu leben scheinen.

In einer entgleisten Sprache werden wir aufgefordert, Geschichte und Verbrechen zu vergessen und uns „erinnerungspolitisch zu wenden“. Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Rasse, ihrer sexuellen Identität herabwürdigt oder virtuell verfolgt.  Todeslisten sind im Internet unschwer aufrufbar; sie bilden neben den Namen jüdischer Bürgerinnen und Bürger vorsorglich schon einmal den Judenstern ab.

Wir erleben Politiker der rechten Extreme, die die Stimmen von mehr als einem Viertel der Wählerinnen und Wähler eines Landes erhalten, die tatsächlich davon sprechen, man werde, wenn sie regierten, nicht um  „wohltemperierte Grausamkeiten“ herumkommen Anderen gegenüber, die ihres Erachtens nicht nach Deutschland gehören oder die für solche Menschen eintreten.

Und wir erleben das schleichende Gift der Menschenverachtung, wenn Rapper unter der begeisterten Zustimmung junger Menschen, denen die Bedeutung der Worte und Sätze oftmals nicht klar ist, sich über die Insassen von Ausschwitz und die Konzentrationslager auf niederträchtige Weise lustig machen: Ich zitiere „Mach mal wieder nen Holocaust.“  Das sind in der Tat Zeiten der zunehmenden Finsternis.

Tag für Tag erleben wir also eine Gegenwart, in der ein Teil unserer Gesellschaft völlig verdrängt zu haben scheint, was einmal war: Menschen jüdischen Glaubens wurden durch die Nürnberger Gesetze von ihren Frauen, Männern und Kindern getrennt und ihrer Staatsangehörigkeit beraubt, verloren im Zuge der Arisierung ihr Eigentum, ihre berufliche Existenz, Synagogen brannten, Menschen, die einen gelben Stern trugen, wurden niedergeknüppelt, und schließlich stand über den Krematorien der Rauch, der die Asche von Kindern, Frauen, Männern nicht nur aber vor allem jüdischer Herkunft davontrug und sich über eine friedlose „Volksgemeinschaft“ legte, in der Verrat und Niedertracht, Habgier und Mordlust herrschten.

Viele anständige Menschen, gerade auch Sie, die Sie heute anwesend sind, haben das nicht vergessen. Deshalb sind sie ja hier. Aber, so hat es Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhls für Judaistik an der Universität München, kürzlich angemahnt, vergessen wir nicht diejenigen, die wir kaum oder gar nicht zu Gesicht bekommen an Abenden wie diesem oder ähnlichen Momenten des Gedenkens. Von ihnen wissen wir leider, dass ein Fünftel von ihnen latent, ein Zehntel manifest antisemitisch eingestellt ist. Von diesem Zehntel ist vielleicht gerade einer in diesem Augenblick dabei, mit aus dem Darknet besorgten Bauteilen erneut ein Gewehr zu basteln.

Sieben Jahrzehnte sind seit dem Ende der Barbarei in Deutschland vergangen, zu Beginn Zeiten des Schweigens, der „Unfähigkeit zu trauern“, dann zuletzt Zeiten einer sehr ernsthaften Auseinandersetzung mit den Fragen danach, was genau geschehen ist, wie es geschehen konnte, und wie wir uns vielleicht wappnen können gegen eine Wiederkehr. In dieser Arbeit des Gedenkens dürfen wir nicht müde werden. Denn die Gewalt- und Willkürherrschaft, sie ist einmal auch aus der Gleichgültigkeit heraus entstanden. Auch deshalb verleihen wir heute einen Preis an junge Menschen unserer Zeit, die zeigen, dass sie nicht gleichgültig sind.

Nun gibt es unterschiedliche Preise. Jener heute, der dem ehrenamtlichen Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, der finanziellen Unterstützung von Unternehmen und der politischen des Landkreises zu verdanken ist, hat einen besonderen Hintergrund.

Zeitzeugen sterben, sagt Elie Wiesel, aber jeder, der einem Zeitzeugen zugehört hat, lebt und wird selbst zu einem. Das ist zugleich die besondere Botschaft von Alex Deutsch weit über seinen Tod hinaus, sein Geschenk an uns und an unsere Nachfahren: Er hat seine Geschichte, seine Verfolgung, sein Leid, seine innere Spaltung zwischen dem Bedürfnis nach Rache für die Ermordung seiner Frau, seines Kindes und seines Volkes auf der einen und seinem Gerechtigkeits- und Versöhnungsempfinden auf der anderen Seite immer wieder und wieder erzählt, erzählt, wie er sie überwunden und wie er seine Hand ausgestreckt hat, die wir ergreifen können.

Das ist der Sinn dieses Preises: „Zeitzeuge“ zu werden und künftig zu sein und die Geschichte weiter zu erzählen, um für die Zukunft zu lernen. James Baldwin, ein großer amerikanischer Schriftsteller, der die Verfolgung der schwarzen Amerikaner in deren Gettos erlebt hat, sagt: Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte mit uns. Wir sind unsere Geschichte.

Sie, die Preisträger des heutigen Abends, haben die Geschichte zu ihrer Geschichte gemacht und damit Zeichen gesetzt, Zeichen der Nachdenklichkeit, der kritischen Erinnerung, des Mutes und Zeichen des Willens, die grundlegenden Rechte aller Menschen und ihre Würde zu verteidigen, damit wir in einem freien und gerechten und glücklichen Land leben dürfen und können. Dafür danke ich Ihnen im Namen der drei Verfassungsorgane des Saarlandes herzlich.

In den Zeiten der zunehmenden Finsternis gilt es bewusst zu machen, dass Menschen verführbar sind und wie sie verführt werden können, keine Menschen mehr zu sein, dass es einen schmalen Grat gibt zwischen Respekt und Niedertracht, dass wir um der Gegenwart und der Aufklärung willen nicht zulassen dürfen, dass sich die Erinnerung verdunkelt, Sprache zur vergifteten Waffe gegen Andersdenkende, Andersgläubige, Andersethnische wird.

Lassen Sie uns daran mit den Preisträgern des heutigen Abends immer denken.

 

 

Stage 2